Onkel Bertold

Anne-Kathrin Anzius schenkt ihrem Heimatdorf Farnroda einfach so einen Kindergarten

Heimatgefühle können alles überdauern. Es ist fast 50 Jahre her, dass die Familie Anzius aus Farnroda vergrault wurde. Sie waren die Schlossgutbesitzer und passten nicht ins Wunschbild der kollektiven DDR-Landwirtschaft. Und jetzt schenkt Anne-Kathrin Anzius der Gemeinde einen neuen Kindergarten!

“Ich wünsch dem Haus Gottes Segen und allzeit fröhliche Kinder.” Sagte es und schlug mit dem Hammer dreimal zu.

Anne-Kathrin Anzius, inzwischen 70 Jahre alt, war bei der Grundsteinlegung gestern die Hauptperson. Obwohl ihr diese Rolle sichtlich missfiel. Genauso wie Fragen nach Geld. Dennoch ist es in jüngerer Zeit ein einmaliger Vorgang, dass eine private Gönnerin im Raum Eisenach den Bau eines neuen Kindergartens nahezu allein bezahlt. Da sind solche Fragen normal. Doch die kleine Frau beantwortete sie standhaft nicht.

Frau Anzius lebt seit vielen Jahren in Calw im Schwarzwald. 1958 hatte sie – nach zermürbenden Konflikten – das Gut aufgeben müssen und mit ihrem Mann die DDR verlassen. Der Bau des Kindergartens setzt ein Denkmal für Bertold Anzius (1926 bis 1979). Der Rittergutsbesitzer war 1939 maßgeblich an der Eröffnung des allerersten Kindergartens im Dorf beteiligt. “Erntekindergarten” nannte er sich damals, weil viele Kinder betreut wurden, deren Mütter zur Feldarbeit mussten und im nahen Nieten- und Nagelwerk arbeiteten. Dieser erste Kindergarten befand sich in einem Teil der Schule. Als nach dem Weltkrieg 1949 der jetzige “Rehberg-Kindergarten” in die Ruhlaer Straße 60 einzog, war Anzius wieder einer der wichtigsten Helfer. “Onkel Bertold” und “Pate Anzius” haben ihn die Dorfkinder freudig gerufen. Er führte Märchenfilme vor und Diabilder. Er schenkte in Zeiten knapper Lebensmittel Milch, Obst und Gemüse. Er organisierte Feiern und Spaziergänge.

Bereits Anfang der 1950er Jahre verließ er zum ersten Mal Farnroda, kehrte aber zurück. Bei seiner Wiederankunft bejubelten ihn die Kinder. Die Kindergartenleiterin Lina Lückert wurde wenig später dafür entlassen wegen “Schwächen bei der Verwirklichung des demokratischen Erziehungszieles’”.

Der künftige Kindergarten trägt den Namen von Bertold Anzius. Er soll im Herbst 2006 fertig sein. Er bietet Platz für 40 bis 50 Kinder. Im Aussehen ähnelt er sehr dem kürzlich abgerissenen Inspektorenhaus, das zum Gutshofkomplex gehört hatte. Der Entwurf stammt vom Architektenbüro Lehrmann & Partner aus Schmerbach.

In der großen Kupferhülse, die gestern im Grundstein eingemauert wurde, befindet sich auch eine Thüringer Allgemeine. Hinzu kamen historische Fotografien von 1959, auf denen noch das vor wenigen Jahren gleichfalls abgerissene Farnrodaer Schloss zu sehen ist.

Von der Idee der Schenkung bis zum Baustart sind etwa drei Jahre vergangen. “Ich hatte fast die Hoffnung aufgegeben”, sagte Anne-Kathrin Anzius, “selbst wenn man Gutes tun möchte, muss man sich gedulden, weil der Amtsschimmel lange, lange Wege geht”.

Unbestätigten Angaben zufolge ist die Kindergarten-Stiftung von Frau Anzius mit rund 500 000 Euro zum Bau des Gebäudes ausgestattet worden. Ein weiterer Teilbetrag soll die pädagogische Arbeit unterstützen.

Autor: Sven-Uwe Völker